Catlan entdeckt Mysteria - unsere Stadtgeschichte
by NightStar
Ein fahler Silberstreif am Horizont war noch übrig von der Lichtflut dieses Tages. Das Delta am östlichen Ende dieser kleinen Stadt umströmte drei kleine Inseln, auf denen seltsame Bäume wuchsen, die aussahen, als hätte man ihnen einen Hut aufgesetzt. Dahinter schlängelte sich der Fluss, eingefasst von einer lichten, aber offensichtlich vollkommen unbeeinflusst wachsenden Vegetation, zu prächtigen Villen hin, deren Struktur und Farbgebung sich wohltuend von der modernen Bauweise abhoben, die woanders das Auge des Betrachters so oft stört.
Die Reise war fast zu Ende. Seine Geduld auch. Jahrelang hatte Catlan die Welt bereist auf der Suche nach sich selbst, nach einem praktischen Rezept für seine persönliche Utopie. Viele Länder hatte er gesehen, erfahren, gespürt und geschmeckt. Das hatte seine Sinne geschärft, seinen Blickwinkel erweitert. Und Catlan inzwischen zu einem schweigsamen Mann gemacht, der sich darüber klar war, dass so viele Reiseerfahrungen jemanden so weit verändern, dass es längst schwierig war, mit anderen Menschen Erfahrungen teilen zu wollen, die die meisten nie machen konnten, weil ihnen die Gelegenheit nicht gegeben war.
Catlan schlenderte am Fluss entlang zum See. Was wohl diese drei Runensteine in der Mitte, dort auf der Insel, zu bedeuten hatten, dachte er, als eine Fledermaus aus einer Öffnung des nahegelegenen Turmes schoss und über die Wasseroberfläche hinweg in den nahen Wald fegte. Seltsam war das hier alles, dachte der sonnengegerbte Mann mit dem markanten Gesicht: Fledermäuse, die nicht das schützende Dunkel abwarten, bevor sie zu ihren Ausflügen starten; keine einzige Straße, kein großer Platz in der ganzen Stadt, keine elektrischen Leitungen, niemand zu sehen weit und breit … und dann diese samtweiche Luft, die gleichzeitig spannungsgeladen und beinahe anfassbar erschien. Oder kam ihm das alles nur so seltsam vor, weil er müde war und erschöpft von der Reise?
Catlan beschloss erstmal auszuruhen. Wie hätte er denn auch ahnen sollen, um wieviel seltsamer ihm diese Stadt noch vorkommen sollte in der Folgezeit. Langsam nur, ganz langsam begann er in den nächsten Tagen zu begreifen, was hier wirklich gespielt wurde. Dabei half ihm besonders ein langes Gespräch mit einer Frau in dieser Kneipe, die aus einem einzigen runden Raum bestand, ganz in abgedunkelten warmen Pastelltönen gehalten und mit skurrilen Fledermaus-Motiven dekoriert war.
Dieses Gespräch war gleichzeitig so ruhig und so abgefahren gewesen, dass Catlan zunächst kein Wort glaubte und tagelang nach dem Pferdefuß suchte. Das konnte einfach alles nicht sein, was hier passierte. Nur, wo war der Trick? Was war hier faul?
„Du hast viel gesehen und erfahren. Du suchst – und das zeichnet dich aus“, hatte die Frau in dem enganliegenden schwarzen Anzug mit dem hohen Kragen zu ihm gesagt, als er zu ergründen versuchte, wo er hier gelandet war. „Weil klein wie groß ist und außen wie innen, ist es überall so, wie es überall ist“, erklärte sie ihm. Und natürlich verstand er kein Wort, hatte aber längst gelernt zuzuhören und nicht gleich zu intervenieren, wenn ihm etwas auf den ersten Ton nicht einleuchtete. Aber das klingt schon verdammt nach „spinnerter Sekte“, dachte er sich, sagte aber nichts.
„Wir suchen alle, die wir hier wohnen. Und weil wir oft von denen, die uns nicht verstehen, mit dem Attribut „mysteriös“ belegt worden sind, nannten wir unsere Siedlung ‚MYSTERIA‘, als wir sie im kleinen Kreis vor einige Jahren gründeten.“ Catlan wollte es jetzt genau wissen: „Welche Religion oder Ideologie steckt dann dahinter? Was bezweckt ihr? Warum gibt es hier keine Strassen, keine Hochhäuser, keine elektrischen Leitungen, warum sieht man nichts von den Errungenschaften der modernen Technik? Ich verstehe es wirklich nicht … das ist die seltsamste Stadt, die mir auf meinen vielen Reisen begegnet ist …“ Die Frau legte ihre Hand auf seine und lächelte: „Du suchst nach einer Schublade, nicht wahr? Das verstehe ich. Wir alle haben solche Schubladen, und es macht nervös, wenn wir keine finden, weil dann alles so unsortiert und chaotisch erscheint. Aber Chaos ist auch die Chance für eine neue Ordnung, die Voraussetzung geradezu. MYSTERIA ist nicht ein Ort der Religion und der Überzeugung einiger durch andere. Es ist ein Ort der dir die Möglichkeit bietet, dich selbst zu überzeugen.“
„Ja, meine Güte, wovon soll ich mich denn überzeugen?“, wurde Catlan langsam doch ungeduldig. Die Frau schaute ihn lange an und sagte dann leise: „Das ist nicht jedem mit Worten zu erklären. Aber du wirst mich vielleicht verstehen, weil du ein Empfänger bist, der offen genug sein mag. Schau, nicht wenige in unserer Umgebung halten uns für verrückt, spinnerte Eigenbrötler oder gar eine gefährliche Sekte.“ Catlan wusste in dem Moment nicht, ob er innerlich mehr grinsen oder sich schämen sollte, fühlte sich jedenfalls erwischt, als die Bewohnerin von Mysteria fortfuhr: „Dabei sind wir gar nicht so viel anders als alle anderen. Auch hier nutzen wir Technik und viele Errungenschaften dieser Zeit – nur manchmal etwas anders. Wir nutzen weiche Energieträger, haben unsere eigene Wasserverwertung und -aufbereitung ohne Chlor, alle Häuser haben eine online-Anbindung über Satellit und vieles andere mehr, was das Leben angenehm macht. Wir haben sogar unseren eigenen Weinberg und unser Wein, der biologisch angebaut in der Sonne reift, ist praktisch das Einzige, was man draußen von uns kennt und schätzt. Und dann gibt es ein paar Dinge, auf die wir verzichten. Wie zum Beispiel Straßen. Dann muss jeder seinen Einkauf weiter bis zum Haus tragen, aber ist das so schlimm? Weil es keine Straßen gibt, sind auch einige andere Dinge schwierig und manche sogar unmöglich. Wir nehmen das in Kauf.“
„Ja, gut, das verstehe ich so weit alles ja noch“, drängelte Catlan, „aber was ist denn die Philosophie dahinter? Ihr könnt euch doch auch nicht aus dieser Welt auskoppeln. Wenn ihr keine Straßen habt, nutzt ihr sie halt woanders und so weiter. Es ist unmöglich eine autonome Enklave zu schaffen, die …“
Die Frau hob die Hand und unterbrach ihn: „Halt! Warte! Wir sind nicht die Missionare, für die du uns vielleicht hältst. Wir wollen niemanden bekehren, der nicht selbst sucht. Hier glaubt auch niemand, die Weisheit mit Schöpflöffeln gefressen zu haben. Und vor allem: wir sind keine Ökospinner, die Spaß verachten und sich für die bessern Menschen halten. Würden wir sonst nächtelang online-Spiele miteinander ausfechten und uns hemdsärmelig fluchend aber grinsend dabei über den anderen aufregen?“, lachte sie hell auf.
„Ja, was zum Teufel seid ihr denn dann, wenn ihr alles das nicht seid?“, bettelte Catlan jetzt geradezu um irgendeine Erklärung, die ihm vielleicht einleuchten könnte.
„Mysteria ist ein Versuch“, lautete die Antwort, „ein Versuch, der jeden Tag mit Abstimmung untereinander zu tun hat – und mit Reibereien, wie überall anders auf der Welt. Mysteria ist der Versuch, eine These umzusetzen, die uns verbindet. Das zu erklären, ist fast unmöglich – es zu leben, noch viel schwieriger. Aber lass mich dir wenigstens ein paar Sätze zum Weiterdenken mitgeben. Hier wohnen Menschen, die glauben begriffen zu haben, dass fast alle Unannehmlichkeiten aus Egoismus und fehlender sozialer Gerechtigkeit entstehen. Und positiv gesehen kannst du es so formulieren: Wir sind der Meinung, dass die Lösung nur in uns selbst liegen kann. ‚Selbst‘ habe ich gesagt – das ist ein wichtiges Wort. Weil nur wir ‚selbst‘ ändern können, wenn wir ‚selbst‘ etwas vorleben. Weil diejenigen, die ‚Selbst‘vertrauen haben, anderen nicht weh tun müssen. Weil zu ‚Selbst‘bewußtsein gehört, dass ich mir zunächst meiner ‚selbst‘ bewusst werde. Um es kurz zu machen: Wir versuchen uns in vielen Dingen ‚selbst‘ nicht so wichtig zu nehmen, nicht immer gleich das Ego zum Maßstab zu machen. Und wir versuchen, gegenseitig unser ‚Selbst‘vertrauen zu stärken, statt uns niederzumachen, um ‚selbst‘bewusst das Leben miteinandner – und damit auch jeder Einzelne für sich ‚selbst‘ – genießen zu können. Denn Genuss ist uns ganz wichtig! Verstehst du jetzt, dass wir viel moderner sein wollen als die sogenannte moderne Zivilisation – und gleichzeitig viel konservativer, nämlich in unserem Wertesystem, als fast alle, die sich als konservativ bezeichnen?“
Catlan brummte der Schädel? Puh, wo war er denn hier reingeraten? Ganz schön mysteriös, das alles, dachte er … und musste gleich darauf breit grinsen, als er an den Stadtnamen dachte.
„Sag’ mal, das war aber ein anstrengender Vortrag“, stöhnte er lächelnd auf, „vielleicht sollte ich mir hier mal eine Wohnung suchen bis ich das alles verstanden habe.“ „Ja, mag sein, aber du hast ihn hören wollen, den Vortrag, und das freut mich“, grinste die Lady breit, „wie wäre es denn jetzt mit einer anstrengenden Runde Tichu zur Entspannung …?“
FIN